musik AN | AUS stellung

Interactive exhibition on sound art during the opening week 2017

What will the German music academy look like, what will it have to look like when another five years of rapid digitalisation have passed? How will music be composed, produced, marketed, heard? What kind of music is it then? Some of the bets on the future that will be placed in the Landeszentrum MUSIK–DESIGN–PERFORMANCE at the Trossingen University of Music could be seen in the "musik AN|AUS stellung" at the opening week from 2 to 8 December 2017.

Complete work of art of interplay and divergence. An introduction in German

Die musik AN | AUS stellung erkundet, was sonische Kunst heute ist und morgen sein wird. Sie stellt die These zur Diskussion, dass das sonische Werk ein Netz aus operierenden Maschinen und agierenden Menschen, aus physischen und humanen Dingen ist, gewoben aus Wellen von Datenströmen.

Die Zukunft dieser Klangwerke hat längst begonnen. Sie reicht weit in die vormoderne Musikgeschichte zurück. Dort aber sind die sonischen Aspekte und der Charakter eines Netzes aus nonhumanen und humanen Aktanten verschüttet unter dem dominierenden Diskurs von Werkästhetiken, Kompositionslehren und Aufführungspraktiken. Offener zutage liegen sie am Anfang unserer Musikgeschichte. Aristoteles hat klar erkannt, welche Bedeutung der Bereich zwischen der humanen Sinneswahrnehmung und ihrer physikalischen Ursache, etwa einer Klangquelle, hat. Auch die ästhetische Relevanz jenes Zwischenreichs hat Aristoteles ansatzweise bereits beschrieben. Er nennt es tò metaxy, das Mittlere, das Dazwischen – das Medium. In der medialen Zone liegen die vielen Dinge, die einen Klang nicht ursächlich generieren, aber ihn reflektieren, ihn aufnehmen, ihn mit ihrer eigenen Dingheit durchformen und verändert weitergeben. In der elektronischen Ära des 20. und der digitalen des 21. Jahrhunderts hat der Aktivitätsgrad der Dinge in der medialen Zone immer weiter zugenommen. Die elektronischen bzw. digitalen Dinge im Medium bringen eigene Wahrnehmungsschwellen, Latenzen, Zeitquantisierungen, Algorithmen, kurz: eigene Semantiken und Ästhetiken ins Spiel.

Damit ist die Spielwiese der musik AN | AUS stellung abgesteckt. Die sonischen Exponate der musik AN | AUS stellung sind keine Werke eines geistigen Urhebers oder einer materiell-ursächlichen Klangquelle. Sie sind ebenso wenig ästhetische Empfindungen eines humanen Hörers am anderen Ende der Leitung. Sie sind auch nicht das je eine, das durchs je andere vervollständigt würde. Sie sind das Gesamtkunstwerk des Zusammen- und Auseinanderspiels, der wechselseitigen AN und AUS Stellungen aller Aktanten. In einem solchen interaktiven Netz kann nicht mehr bestimmt werden, wo ein Klang seinen geistigen Anfang oder sein ästhetisches Ende findet und welche übermittelnden Stationen dazwischenliegen. Datenwellen zirkulieren unentwegt. Manchmal materialisieren sie sich als human vernehmbarer Klang, dann transformieren sie sich wieder in qualitativ andersartige Daten. Jeder Aktant ist Medium. Er gibt das Ge- oder Vernommene über kurz oder lang wieder ins Netz zurück. Mit dem Eintreten elektronischer und digitaler Aktanten in die sonische Kunst offenbart sich die Triftigkeit eines nicht mehr ganz jungen Theorems: Der Inhalt eines Mediums ist selbst wieder ein Medium (Marshall McLuhan).

Klang ist, wie gesagt, nur eine von mehreren Qualitäten, die die Datenwellen im Netz annehmen. Klingen und Hören sind Durchgangsstadien in der Operationalität des Netzes. Die Exponate der musik AN | AUS stellung sind daher keine Klangkunstwerke im engeren Sinn. In ihnen überlagern sich eine Vielzahl von Ästhetiken des (Ver-)Nehmens und Gebens. Sie überlagern sich, neutralisieren sich, verschmelzen zu etwas Neuem, das nur als abstrakte digitale Daten und Algorithmen vorliegt. Wahrnehmung ist selbst ein Medium (schon wieder Aristoteles). Es existiert eine Selbstwahrnehmung des Netzes, die sich zwischen den einzelnen Aktanten permanent in unendlich feine feeds und feedbacks und feedbackfeeds aufsplittert. Die auditive Wahrnehmung eines humanen Aktanten oder eines Mikrofons ist nur Passage und transformiert sich in eine vielleicht akustische, vielleicht auch andersartige Schwingung. Die Qualität solcher Schwingungen in einem interaktiven Kunstwerk liegen jenseits des Akustischen. Wir nennen sie (mit Wolfgang Ernst und Peter Wicke) sonisch. Die Exponate der musik AN | AUS stellung sind sonische Werke.

Die Unterscheidung zwischen entweder ästhetisch oder funktional zu verarbeitenden Informationen hat in Dingen, wie sie in der musik AN | AUS stellung stehen, ausgedient. Ein ästhetisches Nehmen an einer Stelle der großen kybernetischen Semantoästhetik des operativen Netzes wird an anderer Stelle zu einem funktionalen Nehmen, eine funktionale Veränderung an der einen Stelle, etwa ein AN/AUS-Schalten, wird an der anderen wieder ästhetisch aufgefasst. Vielleicht liegt in dieser neuen Ununterscheidbarkeit zwischen Ästhetik und Funktionalität, die mit der Form-follows-function-Devise des klassischen Designs nichts mehr zu tun hat, die größte Herausforderung, die die gegenwärtige sonische Kunst an eine künstlerische Hochschule stellt.

Für das Konzept der Ausstellung und den Inhalt des Katalogs verantwortlich waren Rainer Bayreuther (Kurator) und Andreas Brand (Co-Kurator Technik). Die musik AN|AUS stellung wurde ermöglicht durch das finanzielle und logistische Engagement der Sponsoren Fa. Aesculap (Tuttlingen), Fa. Interstuhl (Meßstetten-Tieringen), Fa. Marquardt (Rietheim-Weilheim) und Fa. Storz (Tuttlingen).

Exhibits

Ein brennender und klingender Tannenbaum heißt die Besucher in der musik AN | AUS stellung herzlich willkommen.

Der klingende Tannenbaum markiert die große Herausforderung, die die digitale Welt an die klassische Musikpraxis, ja an traditionelle kulturelle Praktiken überhaupt stellt. Menschliches Reden, menschliche Regungen und ästhetisches Ausdrücken verschwinden in einer digitalen Performance von Algorithmen und Softwarevorgängen. Soziale Umgangsformen zwischen verschiedenen Menschen, künstlerisches Handeln im Spannungsfeld zwischen MusikerIn und HörerIn werden in ihren Parametern vermessen und anschließend designt. Ob es uns gefällt oder nicht, ob es unserer ästhetischen Erziehung noch entspricht oder nicht, in der digitalen Welt sind die schönen visuellen und auditiven Dinge in technische Apparaturen hineingestellt und gehorchen in ihrer Performance und ihrer ästhetischen Anmutung nicht mehr nur freiem humanen Handeln, sondern performenden und designenden Algorithmen. Dass die schönste, die tief zu Herzen gehende Musik nun als Klingding am Tannenbaum hängt und der Logik von EIN- und AUS-Stellungen folgt, mag als Symbol für unsere heutige Lage aufgefasst werden.

Autoren: Rainer Bayreuther, Andreas Brand, Alexander Jung